Sind wir entkörpert?

Aktualisiert: 25. Jan.

In diesem Text gehe ich der Frage nach, wie wir in unserer modernen Welt den Körper und sein Nervensystem verwenden können, um mit den aktuellen Krisen auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene kraftvoll umzugehen. Angeregt wurde ich durch die Bücher: Alexander Lowen, "Bioenergetik" / Peter Levine "Sprache ohne Worte" / Thomas Hübl "Kollektives Trauma heilen"


Wir leben in einer Welt in der der Verstand uns sehr wichtig ist. Wir durchdenken, reflektieren, studieren, denken voraus, analysieren und benennen ganz automatisch. Wertgeschätzt wird ein ausgebildeter Intellekt. Wir meinen damit unsere Probleme lösen zu können und lösen damit tatsächlich auch viele.

Der Körper wird immer weniger erspürt und lediglich als Vehikel benutzt, um uns in dieser Welt zu bewegen. Pillen und neu eingesetzte Gelenke sorgen dafür, dass das ohne Macken und Schmerzen vonstatten geht. In nicht allzu ferner Zukunft sind es dann kleine Chips für das Gehirn, die uns noch weiter optimieren werden. Bequem und angenehm soll das Leben sein.


Frage dich: Welche Körperbereiche sind offen und schwingungsfähig? Wie verhält sich mein Atem, wenn ich auf fremde Menschen treffe? Was macht einen Fremden zum Fremden? Was macht einen vertrauten Menschen zu einem Vertrauten?


Auf der anderen Seite haben viele Menschen Depressionen, Angstzustände und Beziehungsprobleme. Beziehungsprobleme in dem Sinne, dass kein tiefgehendes auf den anderen Einlassen mehr stattfindet. Einen lustigen schönen Abend verbringen, ist allemal drin. Die Probleme eines anderen mitfühlend - auch wenn sie nicht dem eigenen Weltbild entsprechen - zu begleiten, fällt uns deutlich schwerer.

Krisen schütten noch einmal extra Öl ins Feuer und zeigen uns die Beziehungslosigkeit der Menschheit auf. Beziehungslos zum eigenen Innenleben, beziehungslos zu Menschen und beziehungslos zu unserem Planeten.

Alles deutet darauf hin, dass wir uns entkörpert haben und das wiederum deutet auf eine unterschwellige Traumatisierung hin.

Alexander Lowen schreibt: „Das Leben eines Menschen ist das Leben seines Körpers.“ Das bedeutet, dass wir es nie schaffen, die Probleme der Welt oder die eigenen zu lösen, wenn wir nicht lernen den eigenen Körper von seinen Erstarrungen, Fragmentierungen, eben von seinen Traumata zu befreien. Es wird höchste Zeit für sich selbst und für die Erde eine Defragmentierung zu starten.

Wie kann ich nun bemerken, ob ich entkörpert bin?

Um das zu klären, müssen wir einen Schritt zurück gehen und die Entstehung eines Traumas betrachten.

Wir Menschen haben ein Nervensystem, was auf verschiedene Reize unterschiedlich reagiert und was für jede Situationen eine adäquate Anpassung bereit hält. Besonders dann, wenn es schon früh darin unterstützt wurde, diese adäquate Anpassung zu lernen. Entfernt sich beispielsweise ein Kleinkind über den gewöhnlichen Radius hinaus von seiner Mutter, kann es passieren, dass es Angst bekommt und sofort die Sicherheit der Mutter wieder aufsucht. Im Falle einer einfühlsamen Mutter kann das Kleinkind so lernen, die Erregung von Angst und Panik zu beruhigen. Das Nervensystem gleicht sich an das Nervensystem der Mutter an.

Ist die Mutter jedoch nicht in Reichweite oder das Kind findet die Mutter in seiner Kampf/Flucht Reaktion heraus nicht, kann es zu einer Immobilität kommen. Das heißt aus dem Gefühl der Angst und Hilflosigkeit gibt es kein entrinnen. Die Erregung und die Alarmbereitschaft bleiben. Der Körper kontrahiert und probiert dieses Gefühl, mit der zu frühen Herausforderung allein zurecht zu kommen, wegzudrücken. Ein Teil der Gefühlswelt wird auf diese Weise häufig abgespalten und es ist möglich im Nervensystem, in den Muskeln und im System allgemein, auch zu einem späteren Lebenszeitpunkt dieses Erlebnis wiederzufinden.

Peter A. Levin fasst Traumata so zusammen: „Zu einem Trauma kommt es immer dann, wenn unsere menschliche Reaktion der Immobilität zu keiner Lösung findet; das heißt, wenn uns der Übergang zurück ins normale Leben nicht gelingt und die Immobilität chronisch wird, verbunden mit Angst und anderen intensiven Emotionen wie Schrecken, Ekel, und Hilflosigkeit.“

Ein kollektives Trauma entsteht durch nicht integrierte und unverarbeitete Geschehnisse, die mit Grauen zusammen hängen. Es ist im kollektiven Geist der nächsten Generationen noch vorhanden, auch wenn es an der Oberfläche nicht sichtbar ist. Die Ereignisse waren so schmerzhaft, dass ein Integrieren nicht möglich war, vor allen Dingen auch deshalb, weil sich zu der Zeit viele in diesem Schockzustand befanden. Werden nun Jahrzehnte später ähnliche Triggerpunkte in die Gesellschaft getragen, kann es sein, dass bei einem Großteil der Menschen die alten Muster wieder anspringen. Das nicht in Beziehung treten können mit dem fremden Neuen, löst Trennung, Verachtung oder Ausschluss aus und kann womöglich blutig enden. Eine universelle Kraft gibt uns erneut die Möglichkeit, den Schrecken von damals zu integrieren.

Das bedeutet immer, dass wir uns von der unbewältigten Vergangenheit her mit etwas Gegenwärtigem auseinandersetzen, wie Thomas Hübl schreibt. Leider finden solche Zusammenhänge kaum Beachtung in unserer Gesellschaft. Es wird lediglich über Lösungen mit dem Verstand diskutiert und gefordert. Dabei gibt es auf der Ebene erst im zweiten oder dritten Schritt etwas zu lösen.


Nun zurück zu der Frage, wie ich nun bemerken kann, ob ich entkörpert bin:

Du kannst gerne einmal in der Begegnung mit anderen in dich spüren und versuchen zu erfühlen, wann etwas in dir sich verschließt oder kontrahiert. Frage dich: Welche Körperbereiche sind offen und schwingungsfähig? Wie verhält sich mein Atem, wenn ich auf fremde Menschen treffe? Was macht einen Fremden zum Fremden? Was macht einen vertrauten Menschen zu einem Vertrauten?

Lasse die Energieströme in dir fließen und bemerke, wo etwas stockt, wo unwillkürliche Körperbewegungen sich Bahn brechen wollen und lass es zu, was auch immer kommt!


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